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Healing Inflammation

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Wissenschaftlicher Kenntnisstand

  •  I. Die Herausforderung

    Belastung durch chronische Entzündungskrankheiten

    ¬Nahezu alle Organe und Gewebe können sich chronisch entzünden und dadurch ganz unterschiedliche Krankheitsbilder hervorrufen. Besonders häufig erkranken die Barriereorgane, insbesondere Darm, Haut und Lunge, die im direkten Kontakt mit der Umwelt stehen. Aber auch Sehnen, Gelenke und Bindegewebe, Blutgefäße, Augen oder Gehirn sind chronischen Entzündungsprozessen ausgesetzt. Es entstehen: chronische Darmentzündungen Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, entzündliche Hauterkrankungen Schuppenflechte, Neurodermitis, Gelenkentzündungen rheumatoide Arthritis oder andere Rheumaerkrankungen Lupus erythematodes, ankylosierende Spondylitis, Lungenerkrankungen Asthma, chronische Bronchitis oder Erkrankungen des Gehirns Multiple Sklerose, Morbus Parkinson. Zudem können Entzündungen Krebs den Weg ebnen. Und auch bei den sogenannten Wohlstandskrankheiten wie Alterszucker, Fettleibigkeit, Arterienverkalkung und Herzinfarkt scheinen chronische Entzündungen eine bedeutende Rolle zu spielen. Erkrankungen infolge chronischer Entzündungen sind keine Nebensächlichkeit. Langfristig sind ein Teil der Herzinfarkte, Schlaganfälle, andere kardiovaskuläre Ereignisse oder auch Knochenbrüche Folge chronischer Entzündung. Sie belasten die Betroffenen enorm, etwa mit quälendes Schmerzen oder steifen und geschwollenen Gelenke, die viele Tätigkeiten des Alltags unmöglich machen. Andere leiden unter krampfartigen Bauchschmerzen, heftigem Durchfall, bis zu 30 mal am Tag, oder eitrigen Abszessen. Auch Fieber, grippeähnliche Beschwerden sowie anhaltende Erschöpfung und Kraftlosigkeit gehören zu den typischen Beschwerden von Menschen mit Entzündungskrankheiten. Bei Asthma kann Betroffene ein Gefühl der Erstickung befallen, wenn die verkrampften Bronchien die Luft nicht mehr durchlassen, und Hautkranke leiden nicht nur unter juckenden, schuppenden und geröteten Stellen auf ihrer Haut, sondern auch daran, dass sie diese nicht vor anderen verbergen können. Gewebeschäden, chronische Schmerzen und seelisches Leid schränken die Lebensqualität deutlich ein. Akute Erkrankungsschübe und Krankenhausaufenthalte führen zur zeitweisen oder sogar kompletten Arbeitsunfähigkeit.

     

     

    Leid und Kosten

    ¬Damit verbunden sind auch erhebliche Kosten. Sie entstehen zum einen durch die medizinische und nicht-medizinische Behandlung. Zum anderen führt der krankheitsbedingte Arbeitsausfall durch den Produktivitätsverlust zu volkswirtschaftlichen Kosten. Denn Entzündungskrankheiten betreffen oft Menschen im jüngeren und mittleren Lebensalter, die in Ausbildung, Beruf, Familie und Gesellschaft stark gefordert sind.

  •  II. Die Innovation

    Erstmals Krankheitskontrolle durch neue Arzneimittel

    ¬Chronisch entzündliche Erkrankungen sind derzeit nicht heilbar. Aber die Beschwerden der Betroffenen lassen sich häufig deutlich lindern. Dabei hat es in den vergangenen 15 Jahren wesentliche Fortschritte gegeben. Durch Einführung von Wirkstoffen, die gezielt überaktive Entzündungsbotenstoffe hemmen, wurde die Therapie quasi revolutioniert. Die ersten Mittel dieser Art waren biotechnologisch hergestellte Antikörper des Entzündungsbotenstoffes tnf-α. Mit diesen Biologika lässt sich bei vielen Patientinnen und Patienten, die mit diesen Antikörpertherapien behandelt werden, die entzündliche Aktivität im Darm, auf der Haut oder in den Sehnen und Gelenken langfristig unterdrücken. Die tnf-α-Blockade wirkt sich positiv auf den Krankheitsverlauf aus und ermöglicht vielen Betroffenen ein nahezu normales Leben. Die behandelten Ärztinnen und Ärzte müssen bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen seltener kortisonhaltige Medikamente zur Akutbehandlung eines Krankheitsschubs verordnen. Rheumakranke benötigen seltener ein künstliches Gelenk und werden seltener krankgeschrieben.

     

    Aktuelle Innovation

    ¬Hoffnung gibt es außerdem für Menschen mit der Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes kurz Lupus. Das Krankheitsbild ist sehr vielfältig und verläuft individuell unterschiedlich. Neben Haut und Gelenken können innere Organe, Schleimhäute, Gehirn und die Wände der Blutgefäße betroffen sein. Während die bisherigen Biologika keinen Fortschritt für die Lupus-Therapie brachten, hat sich ein neues Biologikum in Studien als wirksam erwiesen – ein Interferon-α-Hemmstoff. »Es handelt sich dabei um ein Zytokin, oder eine Gruppe von Zytokinen, die sich von tnf-α, Interleukin 6 und Interleukin 17 wesentlich unterscheiden. Offensichtlich wird beim Lupus und den anderen Kollagenosen ein anderer Teil des Immunsystems aktiviert«, so der Kieler Rheumatologe Professor Johann Oltmann Schröder. Schon lange vermutete man, dass Interferone bei der Entstehung von Lupus eine wichtige Rolle spielen. Der Therapieerfolg durch Interferon-Blockade unterstütze diese Hypothese. »Beim Lupus gibt es kaum Biomarker für die Krankheitsaktivität.  Die Leute sind krank, haben grippeähnliche Beschwerden, aber wir können die Krankheitsaktivität schlecht objektiv messen. Die Idee ist jetzt, nach Biomarkern zu suchen, die eine Interferon-Aktivität anzeigen. Wir erwarten, dass diese eine aktive Krankheit wiederspiegeln. Hier tut sich ein ganzes Feld für neue Biomarker auf.«

  •  III. Die Ursachen

    Einflüsse von Umwelt und Lebensstil

    ¬Die Forschung im Cluster hat wesentlich dazu beigetragen, dass die molekularen Vorgänge bei chronischen Entzündungsprozessen besser verstanden werden. Nicht zuletzt dadurch schreitet die Entwicklung von neuen Behandlungsmöglichkeiten stetig voran. Ein Rätsel bleibt aber immer noch, warum bei so vielen Menschen lebenswichtige Immunreaktionen außer Kontrolle geraten und chronische Entzündungen entstehen. Bekannt ist, dass es eine komplexe genetische Grundlage gibt. An der Aufklärung der genetischen Faktoren war und ist der Exzellenzcluster maßgeblich beteiligt. Durch Vergleich des Erbguts von Gesunden und Erkrankten konnten eine Reihe von genetischen Auffälligkeiten identifiziert werden, die zum Beispiel eine chronisch entzündliche Darmerkrankung begünstigen. Die Analyse bedeutsamer Umwelteinflüsse ist daher ein weiteres wichtiges Forschungsfeld – hier liegt möglicherweise ein wichtiger Schlüssel zur Prophylaxe. Tatsächlich dürften die in der westlichen Welt gegenüber früheren Zeiten deutlich gewandelten Lebensbedingungen eine entscheidende Rolle spielen. Denn es sind fast ausschließlich Menschen in den Industrienationen von Krankheiten wie Neurodermitis und Schuppenflechte, Morbus Crohn, Asthma oder Rheuma betroffen. Während früher die Gesundheit vor allem durch Infektionen bedroht war, breiten sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts chronische Entzündungserkrankungen aus. In vielen Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas ohne typischen westlichen Lebensstil kommen diese Krankheiten deutlich seltener vor. Und wenn die traditionelle Lebensweise zugunsten westlicher Gewohnheiten weicht, nehmen auch die Erkrankungszahlen zu, wie zum Beispiel in Japan, China und Indien zu beobachten ist.

     

    Aktuelle Studien

    ¬Mit dem Ziel, Risikofaktoren und Prädiktoren für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (ced) zu identifizieren, wurde in Kiel mit dem Aufbau der ced-Familienstudie begonnen. Durch langfristige wissenschaftliche Begleitung von ced-Kranken und deren Angehörigen sollen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten aufgedeckt werden, die mit der Krankheitsentstehung zusammenhängen. In Blut- und Stuhlproben wird nach Markern gesucht, die den Ausbruch der Erkrankung oder komplizierte Verläufe vorhersagen könnten. »Dieser Ansatz ermöglicht es uns, gesunde Personen, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, ced zu bekommen, langfristig wissenschaftlich zu untersuchen«, erklärt Professor Wolfgang Lieb. Denn Angehörige von ced-Patienten haben ein höheres Erkrankungsrisiko als die Allgemeinbevölkerung. Das familiäre Risiko für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung liegt bei etwa 5 Prozent, wenn die Erkrankung bei einem Verwandten ersten Grades vorliegt. In der Allgemeinbevölkerung erkranken pro Jahr etwa 5 von 100 000. »Deshalb konzentrieren wir uns darauf, Familien zu untersuchen«, so Lieb. Um mehr über Einflussfaktoren auf den Krankheitsverlauf zu erfahren, wird außerdem ein Register für Menschen mit ced aufgebaut. Dabei diesem Register geht es darum, die Langzeitverläufe von Betroffenen systematisch zu dokumentieren, um sie besser zu verstehen.

  •  IV. Das Mikrobiom

    Wichtige Schaltstelle zur Gesunderhaltung

    ¬Der Mensch ist nicht allein: In und auf dem Körper leben Billionen Bakterien und andere Mikroorganismen. Die Gesamtheit aller Mikroorganismen des Menschen bezeichnet man als Mikrobiom. Die Bakteriengemeinschaft im Darm umfasst durchschnittlich 500 bis 1 000 verschiedene Arten und wiegt bis zu zwei Kilo. Aber nicht nur der Darm ist besiedelt, alle inneren und äußeren Grenzflächen wie Lunge, Mund, Nase und Haut sind millionenfach »bewohnt«. Die Mikroorganismen sind aber keineswegs nur Ballast und normalerweise auch nicht gefährlich. Im Gegenteil, sie sind oft nützlich, helfen zum Beispiel bei der Verdauung oder liefern Vitamine, und sie beeinflussen das Immunsystem. Die Zusammensetzung des Mikrobioms variiert stark von Mensch zu Mensch (und auch von Labormaus zu Labormaus). Und die Unterschiede scheinen mit der Entstehung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen zusammenzuhängen. Man vermutet, dass Patienten mit chronischen Darmentzündungen Abwehrreaktionen gegen das körpereigene Mikrobiom entwickeln. Auffällig ist auch, dass bei ihnen die Darmflora aus weniger Bakterienarten zusammengesetzt ist als bei Gesunden. Über die letzten 100 Jahre betrachtet dürften sich zudem ganz generell die mikrobiellen Biofilme im Darm etwa durch veränderte Ernährungsgewohnheiten und Hygienemaßnahmen in ihrer Struktur gewandelt haben.

     

    Gezielte Ernährung

    ¬In einer vielbeachteten Studie aus dem Jahr 2012 konnte gezeigt werden, dass ein Mangel an der essentiellen Aminosäure Tryptophan das Immunsystem im Darm stört. Dies bewirkt, dass sich die Zusammensetzung der im Darm angesiedelten Bakterien verändert und der Körper damit anfälliger für Durchfälle und Entzündungen wird. Eine tryptophanreiche Ernährung konnte bei Mäusen Entzündungssymptome lindern. Die Zusammensetzung der Darmbakterien normalisierte sich, die Entzündungen klangen ab und die Tiere wurden weniger empfindlich gegenüber einer neuen Erkrankung. Aus diesen Ergebnissen entstand die Idee, durch gezielte Gabe von Nahrungsbausteinen chronische Entzündungen im Darm zu unterbinden.